Bewertung eines Startup
3. Okt 2008 Gedankenanregung
In den kommenden Monaten werden wieder verstärkt Beteiligungen an Web-Startups angeboten werden, denn aufgrund der Finanzkrise sind wieder die Gelder von Privatinvestoren gefragt. Natürlich können bei der Wertermittlung einer solchen Unternehmung nicht die normalen Maßstäbe der Unternehmensbewertung angelegt werden, schon weil man materielle wie immaterielle Vermögenswerte wohl vergeblich suchen wird. Der Wert liegt im doppelten Wortsinn in der Phantasie. Hierzu von mir ein paar Gedankenanstöße:
DIE IDEE
Es gibt leider kaum ein Web-Startup im deutschsprachigen Raum, das eigenständig eine innovative Idee zum Geschäftskern hat. In den überwiegenden Fällen handelt es sich um eine Variante einer bereits bestehenden Geschäftsidee aus den USA. Das ist zunächst kein Nachteil, wird aber bei einer internationalen Expansion eventuell zum Problem. Soll es bei einer Verbreitung in deutschen Sprachraum bleiben, kann man die dahin gehenden Risiken vernachlässigen.
Man darf nur nicht dem Irrglauben verfallen, dass eine Geschäftsidee, die sich in den USA erfolgreich umsetzen lässt, sich automatisch in Deutschland oder Europa durchsetzt. Gerade Web-Projekte benötigen eine bestimmt Anzahl von Nutzern, eine kritische Masse, unter der es sich nicht profitabel betreiben lässt. Viele Gründer und Investoren unterschätzen dies.
Ein Startup ist auch nur eine kommerzielle Unternehmung und diese muss sich auf absehbare Zeit lohnen, auch wenn der Spaßfaktor für viele Gründe ganz oben auf der Liste der Beweggründe steht. Ohne klaren Businessplan, der in der aktuellen Lage auf allem anderen nur nicht mit Werbung in Zusammenhang stehen darf, sollte jeder Investor die Finger lassen.
Mir persönlich ist wirklich nur eine einzoge Community bekannt, die kostendeckend arbeitet. Trotzdem können Communitys eine lohnende Investition sein, wenn sie beispielsweise als Bindeglied zwischen bereits existierenden Online-Projekten eingesetzt werden können. Das sind jedoch alles Einzelfallentscheidungen.
DIE SOFTWARE
Die Software-Eigenentwicklungen der Startups, also die Umsetzung der Idee in Code, stellen - man muss es so deutlich sagen - keinen echten Vermögenswert dar, denn dieses Stück Programmcode ist meist so speziell, dass kein anderes Unternehmen dafür Verwendung hat. Scheitert das Startup, läuft der Wert faktisch gegen Null.
Bitte Vorsicht, was die Angaben zum Entwicklungsaufwand angeht, der in Arbeitszeit gemessen wird. Es handelt sich bei der Software oft um gewachsene Anwendungen. Das klingt erstmal gut, auf dem zweiten Blick erkennt man, dass damit nur mindere Qualität verschleiert wird:
- Die Software ist meist schlecht bis gar nicht dokumentiert, was eine Pflege und Ergänzung der Software durch Dritte nicht nur erschwert, sondern faktisch unmöglich macht.
- Die Software wurde nicht ausreichend getestet, was sich oft hinter der Bezeichnung Beta versteckt. Fehlersuche und Beseitigung im laufenden Betrieb potenziert die Kosten gegenüber strukturierten Tests.
Vergessen darf man auch nicht, dass Software kopiert werden kann. In diesem speziellen Fall ist die Kopie beinahe unter Garantie besser als das Original, wenn ein Expertenteam darauf angesetzt wird. Das Original wird sozusagen als Prototyp gesehen, anhand dessen man auch gleich vermeidbare Fehler erkennt und die sinnvollen Funktionen übernimmt. Solche Kopien verursachen effektiv nur einen Bruchteil der Entwicklungskosten des Originals.
Was für eine Ironie, dass Gründer, die Ideen aus den USA kopieren, eben keine Experten im Bereich der Softwareentwicklung sind, was zur mangelhaften Umsetzung der Idee in Code mit den bereits erwähnten Problemen führt.
TEAM
Im Grunde stellt das Team den eigentlichen Wert eines Startups dar. Schul- und Studienabschlüsse sind nicht entscheidend bei der Bewertung, sondern wie effektiv das Startup bisher geführt wurde. Und natürlich muss auch die Chemie zwischen Investor und Gründerteam stimmen. Vielleicht kommt ein weitsichtiger Investor zur Entscheidung, dass die Geschäftsidee sich nicht verwirklichen lässt, das Team aber klasse ist … und beauftragt dieses mit der Umsetzung eines anderen Projektes.
Tags: bewertung, idee, startup, unternehmen




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